Inseln

Inselausstellung:
Inseln Archipele Atolle, 2008

Kuratierung

Ausstellung: 11.–24. September 2008, Schloss Mannheim

Inseln Archipele Atolle, Ordnungen des Insularen

Künstlerische Annäherungen an verschiedene Inseln
(Inselausstellung)

Die Ausstellung zeigt Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die spezifische Aspekte des Insularen ästhetisch erfahrbar machen. Sujets sind wirkliche geographische, fiktive sowie künstliche Inseln.

Die Werke machen die Vielfältigkeit von Inseln sichtbar; die in den Kunstwerken erscheinenden Inseln sind weit gefächert: Einige sind z. B. Bali, Kalymnos, Manhattan, Phu Quoc in Vietnam, Island, die Hallig Nordstrandischmoor, Lummerland und Stevensons Schatzinsel.

Insel vs. Isolation

Einige der Arbeiten legen die kritische Beschäftigung mit der fast zwangsläufigen Meinung nahe, die für die Insel relevante Grenze sei durch das umgebende Wasser gebildet, was die Insel zu prädestinieren scheint, immer wieder als Isolationsmetapher herhalten zu müssen. Dagegen erscheint etwa der Strand als Ort der Kommunikation von Insel mit von außen Kommendem oder auch als wichtiges Moment des verbreiteten Insel-Fernwehs, so z. B. in Ira Schneiders Videoarbeit über Strände. In Jae-Hyun Yoos Modell einer erfundenen Insel, deren Form eine Mischung von Berlin und Korea ist, werden Grenzziehungen auf der Insel in den Blick genommen.

Kulturelle Bedingtheit der Inselwahrnehmung

Ein weiteres Thema ist der stets präsente Anteil kultureller Konstruktion an den Inselimagines, so in der Installation von Barbara Hindahl, die Technologie, Bilderproduktion und die je eigene Perspektive, den kulturellen Standpunkt also, intergriert.

Auch sind Werke von der Frage inspiriert, welche Eigenschaften bestimmten Inseln als Inseln vielleicht tatsächlich zuzuschreiben sind: Was könnten Erscheinungen sein, die so inselspezifisch sind, dass sie auf dem Festland nicht möglich sind?


Beteiligte KünstlerInnen mit Kurzbeschreibung der Werke

Daniela Butsch (Berlin)

Videoinstallationskünstlerin, Fotografin, Autorin
Archipelago, Schweden 2008,
98 Minuten st. Videodokument einer elfstündigen Fahrt durch die Schären-Inselgruppe vor Stockholm (Stockholms skärgård) mit Stops auf Hemsö dessen Bewohner August Strindberg als Vorlage seiner Erzählung „Die Leute von Hemsö“ dienten, auf der Insel Bullerö – bekannt geworden durch die Sommeraufenthalte des Malers Bruno Liljefors und der Filmleute Charlie Chaplin, Errol Flynn, Mary Pickford und Zarah Leander und zuletzt auf Sandhamn der am östlichsten gelegenen schicken Ferieninsel. Auch Vaxholm, die 1647 gegründete kleine Festung – neben Stockholm und Gustavsberg eine der Städte der Inselgruppe – wird passiert.


Holger Endres (Mannheim)

Performance-Künstler, Maler, Zeichner

Eine Luftmatraze, auf dem Boden liegend in einem Raum. Ich trete auf die Luftmatraze zu und setze mich auf sie. Ich setze mir einen Kopfhörer auf und verbinde einen weiteren Kopfhörer mit einem Diskman. Ich lege mich auf dem Rücken, neben mir liegend der andere Kopfhörer. Ich schalte die Musik ein und schließe die Augen. Man darf sich dazu legen. Nach zwei Stunden stehe ich auf und verlasse den Raum. Im Raum bleibt liegend die Luftmatraze.


Barbara Hindahl (Mannheim)

Istallationskünstlerin, Point-of-View-Arbeiten
Video-Point-of-View-Installation: Inselbilderproduktion


Alexander Horn (Mannheim, Ludwigshafen)

Malerei
Gemälde; kulturelle Konstruktion von Inselbildern, Inbesitznahme von Inseln und Inselsymbole


THE KOI (Berlin) Performance 12.9.08 20 Uhr h7/15

THE KOI zeigt in einer Life-Performance mit dem Titel „out of discourse” akzidentelle Masken und anderen Inselsport.


Artur Kurkowski (Mannheim)

Maler

Text Artur Kurkowski
Zwei der dargestellten Bilder (80 cm x 200 cm) beschäftigen sich inhaltlich mit Langeneß bei Landunter. Hinter der scheinbaren Idylle dieser Landschaftsmalerei verbirgt sich der höhste Wasserstand / die Sturmflut von 1977. Als Vorlage diente mir ein Familienfotoalbum von Anna E. Wilkens. Das dritte Bild (50 cm x 125 cm) dagegen stellt Nordstrandischmoor in der Gegenwart dar. Die zehn einzelnen Bildteile stehen für die zehn deutschen Halligen Inseln. Die Häuser der Halligbewohner stehen auf Warften, so heißen die künstlichen Erdhügel die die Halligbewohner vor der rauen See schützen (rund 40 mal im Jahr deckt das Meer die Hallig zu). Thematisch reizte mich an dieser Darstellungsform der Kampf, der Trotz und letztlich die Anpassung der nordfriesischen Inselbewohner an die Natur. Geschichte: Als Geburtsstunde der Halligen gilt die „Grote Mandränke“, eine Sturmflut im Jahre 1362. Sie verheerte die reiche Küstenstadt Rungholt und sieben weitere Gemeinden, riss 7600 Menschen in den Tod und große Teile des Bodens mit sich fort. Zurück bleiben die ersten Halligen. Im Jahre 1634 suchte die Zweite „Grote Mandränke“ die alte Insel „Strand“ heim: 6 000 Menschen starben, Die Hufeisenförmige Insel wurde weggespült, nur einige kleine Gebiete blieben stehen.

Hallig Nordstrandischmoor; Halligen als idyllische und überspülte Orte


Gabriele Künne (Mannheim, Ludwigshafen, Berlin)

Installationskünstlerin
Installative Arbeit im Außenraum, bestehend aus keramischen Objekten und Pflanzen, die zeichenhaft den Garten als soziale Insel thematisieren.


Reiner Maria Matysik (Berlin)

Installationskünstler
Installation zwischen Lummerland, Kant und künstlicher Inseln mit Tischen, Ventilatoren, Folien und plötzlich erscheinenden Inseln


Pinky &, Dr. Brown (Berlin): Chrish Klose und Thomas Richter

Performance/Aktion: „Dream Baggage”
Aktionskunst – Multiples – Druck auf Leinenbeuteln


Harald Priem (Mannheim)

Malerei, Fotografie
Fotoarbeit „Inselbegabungen” – Dokumentation über inseltypische Tätigkeiten auf der Insel Kalymnos


Ira Schneider (Berlin)

Videokunst, Fotografie
Video: „Manhattan is an Island” und
Video: „Beaches”


Fritz Stier (Mannheim, Viernheim)

Installationskünstler, Maler


Alexander C. Totter (Barcelona)

Fotograf, Installation, Video

Projekt „Drift – Floating Landmarks, Kantstikkur & Co.” auf und um Island

Modell des Projekts in einer Vitrine und dokumentarische Fotos über die Arbeit Vitrinen mit Inselalphabet und Inselwörterbuch – Text auf Muscheln

Text Deutsch Alexander C. Totter

Fotografie, Objekte

Ein Gedicht des isländischen Dichters Einar Benediktsson beschreibt die Isländer als ein Volk „ohne Wurzeln“: Bauern, die über das Meer segeln mussten, um auf einer kargen Vulkaninsel eine Heimat zu finden, aus und mit dem Meer zu leben lernten. Der Erstbesiedler Islands, Ingolfur Arnarson, wirft seine Pfosten, Zeichen seiner Häuptlingswürde, im Süden der Insel ins Meer, als er Land am Horizont auftauchen sieht, damit die Götter das Schiff dort an die Küste leiten würden, wo gesiedelt werden sollte. Seine Pfeiler werden in Totters Arbeit zu Straßen-Leitpfosten säkularisiert.

Im US-Amerikanischen nennt man einen Menschen ohne Arbeit, Ehrgeiz oder Ziel Drifter. Er treibt, dem Zufall überlassen, wie eine Boje in Wind und Gezeiten. Die Motive Wurzellosigkeit und Leben mit dem Meer, die Claninsignien als Leitpfosten und das Treiben des Drifters greift Alexander Totter in seiner Arbeit auf und integriert sie. So entstand das Projekt einer isländischen Straße aus rot-gelben Leitpfosten aus Holz, die ins Meer führt, wo sie zu Bojen werden, die im Strom der Gezeiten treiben. Das Meer ist die Insel ist das Meer ist die Insel…

Driften ist positiv gesehen Kreativität, Improvisation, Akzeptanz natürlicher Gegebenheiten und nicht politisch/wirtschaftlicher Strukturen, die die einen einrichten, um die anderen auszubeuten. Der Komplex Vorsehung, Schicksal, Vertrauen, Zuversicht, der sich im Verhalten der Wikinger im 9. Jahrhundert ausdrückt, scheint uns völlig abhanden gekommen zu sein, ist aber wichtiger denn je und hat Alexander Totter zu mehreren Arbeiten im Bereich Orientierung, Kommunikationsqualität und Entschleunigung geführt; Entschleunigung, indem die Pfähle als Wegmarkierungen in unwegsamem Gelände stehen, es ist unbefahrbar und kann nur mühsam erlaufen werden.

Vorläufiges Arbeitsergebnis: sich treiben lassen und die Insel taucht von selbst am Horizont auf.

In der Ausstellung in Mannheim wurden Fotos von der Drift-Installation auf Island gezeigt, sowohl von langen Reihen von Pfählen an Land wie Bojen im Wasser. Mehrere Pfähle und eine Boje waren Ausstellungsobjekte: „Bojen als Sehnsuchtsträger: Du nicht, aber sie kommt dahin, wo Du gerne wärst …“
außerdem waren in Vitrinen Objekte zu sehen, die dem Projekt Drift anhängen: Kleinskulpturen, die Insel-Denkfiguren visualisieren, wie etwa eine kleine ausgesägte Fläche von der Form Islands, die mit einem Außenbordmotor versehen ist, auch ein maßstäblich verkleinertes Floß mit einem Stuhl obendrauf montiert: „.mit Floß und Stuhl auf hoher See. … und ein GPS Gerät ist dabei!“

text english Alexander C. Totter

Photographs and objects

In one of his works, the Icelandic poet Einar Benediktsson called the Icelanders a people “without roots”: farmers forced to cross the seas to make their home on a spare volcanic island who learned to live off and with the sea. Having spotted land on the horizon, Iceland’s first settler, Ingolfur Arnarson, throws his high seat posts, his chieftain’s insignia, into the sea to the South of Iceland, saying that he’d settle where they’d land – under the direction of the gods. In Totter’s work, those posts are secularized into road guide posts.

In US English, a person without a job, ambition or destination is called a drifter. He is drifting, left to chance, to winds and tides, like a buoy.
The work takes up the motifs of rootlessness and of life with the sea, of the clan insignia as road posts and of the drifters’ drifting, combining them into an integrated whole.
Thus the project came about of an icelandic road made of red and yellow wooden guide posts, leading into the sea, where the posts become buoys drifting in the tide. The sea is the island is the sea is the island …

Turned positively, drifting is creativity, improvisation, the faculty of accepting natural conditions; conditions imposed by nature are accepted rather than political/economic structures installed by people to exploit other people. It seems that we Europeans have lost sight of the entire attitude-aggregate of belief in fate, faith, trust, and confidence in the powers that be, that is so prevalent in the actions of those 9th-century Vikings.
This observation has led Alexander Totter towards several works on orientation, deceleration, quality of communication; deceleration, since the posts are set into a wayless terrain, inaccessible to cars, hardly walkable.
Preliminary results: Drift awhile, and the island is going to show up on the horizon all of its own account.

The Mannheim exhibition had photographs of the “Drift”-installation in Iceland, of long rows of posts ashore as well as buoys in the sea. Several posts and one bouy were objects displayed in the exhibition – the buoy as objectification of our longing: Not we, but the buoy will drift to where we want to be … There were also cabinets displaying objects adherent to project drift: Small sculptures visualising “ïnsular” thought patterns like a small wooden Iceland shape endowed with an outboard motor, or a scaled down raft with a chairt on top: “At sea with raft and chair. And GPS!”


Konstantin Voit (Mannheim)

Text Konstantin Voit

Konstantin Voit fertigt seine Werke von auf Leinwand mit Sprayfarben aus einem Repertoir von 3000 gesammelten Schablonen. Der Direktor der Malfabrik produziert Kunst stets mit System, in vielseitigen Variationen, die ihm sein Ideenkatalog Malfabrik anbietet. Dieser „Produktkatalog“ der Bildfindungen beinhaltet alle möglichen Bilder, die seit 1993 vorentworfen wurden und sich zu neuen Werkblöcken ausformulieren lassen. Das System Malfabrik enthält, was für Konstantin Voit bedeutungsvoll war und ist, um als Gedanke bearbeitet und in ein Kunstwerk transportiert zu werden.

Festgehalten sind wesentliche Fragestellungen der Kunstgeschichte ebenso wie als Besonderheit empfundenes; Filme, Bücher, Gefundenes und Gesuchtes. Allesamt vorhandene Formdaten der existierenden Welt. Diese stehen wiederum in direktem Bezug zur Person des Künstlers. Das System Malfabrik etabliert das künstlerische Ego, das sich immer wieder aus sich selbst heraus neu modelliert. Einen beeindruckenden ersten Zugang zum System Malfabrik erhält man unter www.malfabrik.de.


Veronika Witte (Berlin)

Videoinstallationen
auf einer Umfrage in Vietnam beruhende Videoarbeit über Umrisslinien geographischer Inseln, die in einem Morphingprogramm übereinander gelegt werden


Jae-Hyun (Lee) Yoo (Berlin)

beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit gattungsunspezifisch mit Grenzen und Grenzüberschreitungen im Sinne einer „open identity”
Mitinitiator der internationalen KünstlerInnengruppe Global Alien
Topographisches Modell, Installation
visualisiert auf einer fiktiven Insel Berlin-Korea politische und soziale Grenzen