heilig

Wettbewebsbeitrag:

“Wie verpacke ich was mir heilig ist …”

1. März – 6. April 2014
Morgner Haus, Soest, Ideenwettbewerb und Gruppenausstellung

Der St. Patrokli Dombau-Vereins veranstaltete 2013 einen Ideenwettbewerb mit dem Thema der Suche nach einer zeitgemäßen Verpackung für einen wertvollen oder gar heiligen Gegenstand. Hier folgend die Ideenskizze meines Beitrags dazu.

Wertvollen oder heiligen Inhalt und ein Gefäß
dafür erschaffen

Ideell wertvoll ist Menschen etwas, womit sie sich in einer besonderen Weise verbunden fühlen.

Eine besondere Handlung, die Einfluss auf das Leben einer Gemeinschaft hat, wird in Geschichten bewahrt und weitererzählt.

Das besonders Wertvolle einer Gemeinschaft könnten diese Geschichten sein, die sich in vielfältiger Weise darstellen. In Form von Büchern, mündlichen Erzählungen, kultischen Handlungen, Erinnerungsgegenständen oder Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs. Diese Geschichten würden so lange immer wieder durch das Wiedererzählen im Bewusstsein der Gemeinschaft aktualisiert, bis sie langsam aufgrund neuerer Erfahrungen und den daraus neu entstehenden Geschichten verdrängt werden. Geschichten können sich zu Religionen entwickeln oder Religionen entstehen aus Geschichten.

Meine Vorstellung einer zeitgenössischen Verpackung von etwas sehr Wertvollem oder Heiligen ist, nicht nur die Verpackung zu erfinden, sondern den Inhalt dieser Verpackung mit der Verpackung zu verschränken, damit eine Beliebigkeit zwischen der Gestaltung der Form und dem Inhalt des „sehr Wertvollen“ vermieden wird. Beliebigkeit verhindert Verständnis und Teilhabe. Mit anderen Worten ausgedrückt, eine Möglichkeit, heutzutage den Bilderfluten und der daraus entstandenen Sinnentleerung von Bildern und Symbolen etwas entgegenzusetzen, ist, die Form eines wertvollen Gegenstandes nicht von dessen Inhalt zu trennen.
Also keine Verallgemeinerung: für jeden wertvollen oder heiligen Inhalt gibt es nur eine genau dafür passende Form. Natürlich ist dies auch eine Sache der Interpretation, das Wertvolle der folgenden ersten Beispielgeschichte ist die Verbindung und Liebe zwischen den sieben Menschen und die Perlenkette ein Symbol dafür. Es sind also nicht die Knochen der sieben Menschen, die heilig sind, sondern die Verbindung zwischen den Sieben, die bestanden hat und weiterbesteht durch die Teilhabe der Lebenden, und dies wird durch die Perlen symbolisiert.

Durch die Möglichkeit der symbolischen Teilhabe wird das Gefäß (Perlenkette) durch die Besucher / Pilger erweitert, das Gefäß ist sozusagen interaktiv, offen, das Wertvolle ist die Teilhabe, die Liebe, die gelebt und durch die Pilger ein zunehmend stärkeres Symbol dafür wird. Dabei spielen Zeit und Kreativität eine große Rolle, und, dass es immer mehrere sind, die gemeinsam etwas herstellen. Also kein passives Bild, sondern ein integrierendes.

Hier zwei Beispielgeschichten um das Prinzip der Verschränkung von Form und Inhalt zu zu verdeutlichen.

Beispiel 1

Die lange Perlenkette

Foto: Pedro-Szekely-Hexagons

Foto: Pedro-Szekely-Hexagons

Foto: Christophe-Meneboeuf

Foto: Christophe-Meneboeuf

Sieben Menschen unterschiedlicher Kulturen trafen sich zufällig an einem Display mit Glasperlen in einem 1-Euro-Shop in Hamburg und empfanden spontan eine überwältigende gegenseitige Sympathie. Diese Begegnung war so außergewöhnlich und unerklärbar, dass sie beschlossen zusammenzubleiben, ihrem bisherigen Leben den Rücken zu kehren und sich fortan der Kontemplation und dem Wunder ihres Zusammenseins – dem gemeinsamen Leben – zu widmen. Um sich an ihr besonderes Zusammentreffen zu erinnern, hielten sie Zeit ihres Lebens ein Glasperlenarmband in der Hand. Jedes Armband enthielt sieben Glasperlen, die nach ihrer Interpretation je eine Person ihres Kreises repräsentierte. Die sieben Menschen kamen aus unterschiedlichsten Teilen der Welt, manche waren religiös, andere von ihnen atheistisch. Sie lebten lange gemeinsam und waren zunehmend über alle Grenzen hinweg bekannt, denn das Glück dieser Menschen war bei direktem Kontakt sichtbar als ein leichtes, fast unmerkliches Leuchten, das von anderen Menschen als etwas Besonderes wahrgenommen wurde. Nach ihrem Tod, sie starben alle im gleichen Jahr nach einem friedlichen Leben, wurden sie in einem gemeinsamen Grab außerhalb Hamburgs beerdigt. Ihre Urne bestand aus einem stabilen Geflecht aus Glasperlen, zusammengebunden mit den sieben mal sieben Glasperlen, die nun auf einer Schnur aufgefädelt waren. Der letzte von ihnen hatte diese nach dem Tod der Freunde angefertigt. Die Urne sollte zum Zeichen der Verbundenheit nicht unter der Erde, sondern auf dem Grab stehen.

Im Laufe der folgenden Jahre wurde das Grab von immer mehr Menschen aus der ganzen Welt besucht. Das wundervolle Leuchten und die Geschichte der Sieben hatte sich verbreitet. Viele Besucher brachten selbst Glasperlen mit, die sie anfänglich vor das Grab legten, später wurden die Perlen dann mehr in die vorhandene Glasperlenkette eingefädelt. Die Urne war bald ganz umwoben mit Perlen und die Kette wurde immer länger und bald war eine große Fläche um das Grab ein einziges Glasperlenmeer. Die Geschichte der Sieben war zu einem Symbol für die undogmatische Kraft der Liebe zwischen Menschen geworden (Bild Beispiel 1).

Beispiel 2

Heilige Erde

Foto Waldfriedhof

Die lange Perlenkette

In Zeiten der Globalisierung kamen Vertreter unterschiedlichster Religionen und anderer ziviler Einrichtungen während einer großen Friedens-NGO-Tagung auf den Gedanken, die Welt als Ganzes als heiligen Raum zu verstehen. Vielleicht war das Phänomen momenthaft auftretender Beseeltheit, das bei vielen Menschen, ob gläubig oder nicht, manchmal auftritt, der Grund für dieses Heiligkeitsverständnis.

Diesen Gedanken wollten die Teilnehmenden der Tagung mit einer ziemlich außergewöhnlichen Idee in die Welt tragen. Ein symbolisches wie auch reales Band, quer um die Welt gespannt, von Menschen aller Nationen gemeinsam hergestellt und zusammengesetzt, sollte als Zeichen für das Wunder der Erde – und der grenzenlosen Gemeinschaft
der Menschen – einen Moment die Erde umschließen. Das Besondere, Einzigartige, Heilige, Ganze der Erde sollte durch diese Aktion „eingehüllt“ und für einen Moment gefasst werden.

Die Idee fand großen Anklang auf der ganzen Welt und schon wenige Jahre später wurde dieses Band in Zusammenarbeit sehr vieler Menschen realisiert.

Durch alle Kontinente, über Berge und Wüsten war für eine kurze Dauer ein Band aus unzähligen verschiedenen, gestrickten, geknüpften, geflochtenen und gewobenen Materialien gelegt, das die Erde umspannte. An der Grenze zu den Meeren dazwischen wurden symbolisch die Enden des Bandes auf Bojen ins Wasser gelassen. Es war ein großes Fest in allen Ländern und es hatten sich insgesamt über 40 Millionen Menschen je mit einem Meter selbst hergestellten Bandes an der Realisation des Projekts beteiligt. Die Materialien waren je nach Region sehr unterschiedlich, Alpaka, Schafwolle, recyceltes Plastik, Metall, Synthetik, Hanf, Leinen und sogar Seide wurden in dem Band verarbeitet. Es wurde, gestrickt, gewebt, geknüpft und in manchen Gegenden gelötet. Unterschiedlichste Symbole fanden sich in dem Band, religiöse, geografische, persönliche Bilder und Zeichen, Piktogramme und Schriften, Ornamente und fotografische Sujets wurden verarbeitet.

Das Band wurde eine Woche lang erhalten und dann wieder zerteilt. Die Stücke wurden von den Menschen als Andenken bewahrt und oft auch mit anderen getauscht. Viele verarbeiteten die Überreste in Wolldecken, Tischdecken, Kissenbezügen, Kleidungsstücken, Schals, Halstüchern, Kopftüchern, Armbändern, Lampenschirmen und anderen praktischen Dingen. Auch wurden an vielen Orten die Überbleibsel des Bandes um Bäume gewickelt, dies sah schön aus und so war die Erinnerung an die Aktion auch im Öffentlichen Raum noch lange präsent (Bild Beispiel 2a und 2b).