Emotional Circus

von Anna E. Wilkens

Der Diskurs um die Emotionen ist nicht neu; im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse beginnt das Reden über Gefühle in der Aufklärung um 1750 mit der „Empfindsamkeit“. Gefühle blieben seither Thema besonders in ästhetischer Theorie und in der im 19. Jahrhundert neu entstehenden Psychologie. Einen bemerkenswerten Aufschwung jedoch nahm die Aufmerksamkeit für Gefühle seit der Jahrtausendwende – eine Reihe neuer Sonderforschungsbereiche wurde in den Kulturwissenschaften, in Psychologie und Neurowissenschaften eingerichtet und man spricht sogar schon von einem Emotional Turn – vielleicht vorbereitet seit der 68er Wende im Zuge von Ganzheitlichkeitsdiskursen; seither gibt es vielfältige Argumentationen wider die alte Dichotomie von Ratio (positiv bewertet) mit ihrem angeblichen Gegenteil, der Emotio (negativ bewertet). Die Vernunft galt als zivilisiert und der Kultur zugehörig, das Gefühl als irrational und „natürlich“.

Bedeutet nun das vermehrte (wissenschaftliche) Reden über Emotionen auch eine Zunahme von Gefühlen? Höchstwahrscheinlich nicht. Und ebenso wenig ist es ein Indiz für eine „Befreiung“ der Gefühle – dass Gefühlsäußerungen (außer im Privaten) etwa zunähmen oder salonfähig würden. Man kann sogar, Foucaults Argumentation in Sexualität und Wahrheit folgend, die These aufstellen, dass die Sichtbarmachung der Gefühle im Diskurs eher zur noch stärkeren Beherrschung von Gefühlen beiträgt, indem der Diskurs immer auch normativ ist. Ein Indiz für die Präsenz eines Diskurses kann die Anzahl der Publikationen zu einem Thema sein: Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (zum Beispiel) findet man tatsächlich eine Reihe von neuen Titeln zum Thema „Emotion“; es sollte jedoch zu denken geben, dass ein sehr großer Teil davon gar nicht in Kulturwissenschaften, Psychologie oder Neurowissenschaften erschienen ist, sondern in der BWL: Marketing einerseits und Personalführung andererseits. Dass wir alle von der Werbung zum Konsum bewegt werden (sollen), wissen wir; und Emotionale Intelligenz gehört heute zur Ausstattung einer vollwertigen Arbeitskraft. Und die Ratgeberliteratur seit den 70er-Jahren etwa hilft uns nicht nur bei der „Selbstfindung“ und Entdeckung unserer eigenen Gefühle, sondern sie legt implizite Normen fest, nach denen wir beispielsweise immerzu glücklich sein sollen und in Beziehungen auf jeden Fall erfüllte Liebe finden. Etwas zu erkennen, es präzise und differenziert erfassen zu können, führt immer auch zu größerer Beherrschbarkeit, ermöglicht Kontrolle. Der Prozess der Zivilisation (Elias), in dem der Fremdzwang zum Selbstzwang wird, wird fortgeschrieben.

Wirklich neu am zeitgenössischen Emotionsdiskurs seit etwa 2000 ist, dass auch in wissenschaftlichen Forschungen nun davon ausgegangen wird, dass menschliches Leben stets ein Zusammenspiel zwischen Denken und Fühlen sei; das Fühlen informiert das Denken und das Denken beeinflusst das Fühlen. Und das gilt im Bereich des privaten, individuellen Gefühls und Denkens als auch in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen (öffentlich); Emotionen werden von gesellschaftlichen Strömungen geprägt, sie sind folglich mindestens partiell historisch und nicht überzeitlich (das bedeutet auch, dass es Emotions-Moden gibt), und umgekehrt bestimmen die Gefühle ihrerseits gesellschaftliche Entwicklungen mit. Das impliziert auch, dass ein Wandel stattgefunden hat in der Wahrnehmung von Emotionen, die nicht länger als nur passiv (Passion), also erlitten und als Reaktion auf Umweltreize angesehen werden, sondern ihrerseits – aktiv – ihre Umwelt bestimmen oder jedenfalls beeinflussen.

Der Bereich der Kunst nun gilt seit ihrer Autonomisierung als eine Art Freiraum, in dem Elemente menschlichen Lebens sowohl thematisiert als auch ausgelebt werden können, die sonst unsagbar sind, entweder, weil sie tabu, oder aber, weil sie (noch) nicht wissenschaftlich erfassbar sind.

Die Künstlerinnen und Künstler der TOOLBOX zeigen in Viernheim unterschiedliche künstlerische Positionen zum Thema Gefühle: Die Werke beschäftigen sich mit Gefühlen im Schaffensprozess; mit Gefühlen, die als potenziell zerstörerische Unterströmung nicht zuletzt von Machtverhältnissen und Politik hervorgerufen werden; mit dem Sinnlichen von Kunstwerken; und auch damit, wie Medien und Werbung mithilfe psychologischer Erkenntnisse bestimmte Emotionen in ihrem Publikum hervorrufen.

Text: Dr. Anna E. Wilkens

TOOLBOX ist eine Finnisch-deutsche Künstlergruppe

TOOLBOX Art Space ist ein unabhängiges künstlerisches Kooperationsprojekt mit Ausstellungstätigkeit zur Förderung von internationalem künstlerischem Austausch. Im monatlichen Wechsel wird auf 40 m2 zeitgenössische Kunst in ihren vielfältigen Erscheinungsformen präsentiert.

Kunst verstehen die Künstlerinnen und Künstler von TOOLBOX als Werkzeug, mit dem die Gegenwart reflektiert und das Soziale – das Miteinander – verändert oder geschaffen wird. Der Schwerpunkt des Projektraums liegt in der Präsentation finnischer zeitgenössischer Kunst in Berlin und die Gegenüberstellung von finnischen und deutschen künstlerischen Sichtweisen auf für Menschen relevante Themen wie zum Beispiel: Ideologien, Grenzen der Wahrnehmung, Theorien, Wert von Emotionen oder Umgang mit Ordnungssystemen.

Mitglieder:
Maija Helasvuo, FI
Sampsa Indrén, FI
Minna Jatkola, FI
Mika Karhu, FI
Juha Sääski, FI
Matti Vainio, FI / EE
Andreas Wolf, DE

Kontakt:
Deutschland: Andreas Wolf, Tel.: 0173 / 83 49 207, mail@andreaswolf.net
Finnland: Mika Karhu, mikarhu@gmail.com

Website: www.galerietoolbox.com

TOOLBOX | Finnisch-deutsche Künstlergruppe
Ein Koperationsprojekt des Kunstvereins Viernheim mit Strümpfe, Supper Art Club Mannheim

Ausstellung „Emotional Circus“
Strümpfe Mannheim
2.–23. September 2016
Eröffnung: 2. und 3. 9. ab 20 Uhr

Adresse: Jungbuschstraße 3, 68159 Mannheim

Kunstverein und Kunsthaus Viernheim
9. September–15. Oktober 2015
Eröffnung: 9. 9. um 19 Uhr im Kunsthaus
Begrüßung: Fritz Stier (Kunstverein Viernheim), Dr. Laura Hirvi, Finnland-Institut Berlin
Adressen:
Kunsthaus: Rathausstr. 36, 68519 Viernheim
Hügelstraße 24, 68519 Viernheim